Foto: Klemens Ortmeyer“

Wilkhahn: Sozial, innovativ, ökologisch 

Ein Interview von Elita Wiegand mit Burkhard Remmers, Leiter für internationale Unternehmenskommunikation von Wilkhahn 

Welche Herausforderungen muss Wilkhahn als Büromöbelhersteller im Zuge der Digitalisierung meistern? 

Burkhard Remmers: Die Digitalisierung verändert unsere Lebens- und Arbeitsbedingungen mit einer hohen Dynamik. Wir müssen darauf achten, dass die biologischen Voraussetzungen des Menschen im Büro mit den veränderten Rahmenbedingungen und technologischen Möglichkeiten Schritt halten können. Dazu haben wir als Büromöbelhersteller relevante Fragen herausgearbeitet: Wie gelingt es den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern vor dem Hintergrund längerer Arbeitszeiten und steigendem Produktivitätsdruck, gesund und aktiv zu bleiben? Was muss man tun, damit die Mitarbeiter den hohen Anforderungen über einen längeren Zeitraum gerecht werden können? Die Fragen sind deshalb so relevant, weil die Digitalisierung auf der einen Seite eine hohe Verdichtung der geistigen Arbeit bedeutet und das Hin- und Herspringen zwischen verschiedenen Medien und Projekten eine enorme Energieleistung, aber auch eine psychische Belastung darstellt. Auf der anderen Seite ist die körperliche Aktivität zur Erledigung der Arbeit auf ein Minimum reduziert.

Sie haben diese Fragen mit der Deutschen Sporthochschule Köln untersucht und die Zusammenhänge zwischen physischer und psychischer Belastung herausgearbeitet. Mit welchem Ergebnis?

Burkhard Remmers: Wir haben mit der Deutschen Sporthochschule, Köln herausgefunden, dass es bei der Bewegungsförderung nicht mehr nur um den Rücken geht, sondern um unser Wohlbefinden und unsere körperlichen Kompetenzen insgesamt. Dabei hängen Psyche und Physis eng zusammen. Durch stundenlanges Stillsitzen im Büro werden die Gelenke und die Muskulatur nicht mehr ausreichend stimuliert, um die natürliche Regulation des Körpers aufrechtzuerhalten. Das wirkt sich gleichermaßen auf Körper und Geist aus. Auf Grundlage dieser Forschung haben wir 2009 mit dem Bürostuhlprogramm ON ein dreidimensional bewegliches Stuhlkonzept auf den Markt gebracht und diese Weltneuheit über viele Patente abgesichert. Wir generieren damit tatsächlich auch im Sitzen einen Bewegungsablauf, der dem beim Laufen ähnlich ist. Der Körper bewegt sich intuitiv deutlich vielfältiger und häufiger als bei konventionellen Bürostühlen, gleichzeitig wird der Körper in jeder Position entspannt im Gleichgewicht gehalten. Der Stuhl hat unglaublich eingeschlagen.

Die digitale Revolution der Industrie 4.0 hält nun auch bei Ihnen Einzug. Als erster Möbelhersteller produziert Wilkhahn in 3D-Drucktechnologie. Was verbirgt sich dahinter? 

Burkhard Remmers: Gemeinsam mit dem Designer Thorsten Franck haben wir den beweglichen Hocker „Printstool“ entwickelt. Diese Neuheit mit dreidimensionalen Strukturen wurde auf der letzten Orgatec vorgestellt und wir haben damit gezeigt, welche Chancen in der neuen Technologie des 3D-Drucks stecken. Uns war es wichtig, die ästhetischen und funktionalen Möglichkeiten der neuen Technologie für einen stabilen Hocker mit unterschiedlichen Strukturen aufzuzeigen. Normalerweise, , wären für die Herstellung der unterschiedlichen Oberflächen bei den Varianten jedes Mal aufwändige Werkzeuge notwendig –  wenn es denn überhaupt gelänge.  Durch die innovative Herstellungstechnologie per 3D-Druck wird diese Vielfalt mit ihrer neuartigen Ästhetik überhaupt erst möglich. Bei uns spielt seit 25 Jahren auch das Thema Nachhaltigkeit eine entscheidende Rolle. Beim 3D-Druck gehen wir auch in diesem Bereich neue Wege und versuchen, die tradierten Kunststoffe durch biologisch abbaubare und regenerative Materialen auf Lignin-Basis zu ersetzen.

3D gedruckter Hocker PrintStool ONE, Design Thorsten Franck

Wilkhahn hat bereits vor 25 Jahren die Umweltverantwortung als Unternehmensziel etabliert. Unter der Überschrift „Responsible Furniture“ steht Ihr Unternehmen für das Gegenmodell zur Wegwerfgesellschaft. Wie schaffen Sie es, Ihre Produkte auf Langlebigkeit und Ressourcenschonung auszulegen?

Burkhard Remmers: Bei uns ist über Jahrzehnte das Gespür gereift und gewachsen, dass unser aller Zukunft dadurch bestimmt wird, dass die Ressourcen begrenzt sind, dass wir teilen müssen und dass  der Leitbegriff “less is more“ zum Tragen kommt. Doch: Wie muss ein Weniger gestaltet sein, damit es mehr ein Mehr wird? Wilkhahn hat schon vor 25 Jahren als erster Möbelhersteller in Deutschland ein ökologisches Designkonzept entwickelt. „Responsible Furniture“ ist unser Leitsatz und vor diesem Hintergrund gilt es, die richtigen Dinge zu tun, ihre Sinnhaftigkeit zu verbessern, keine Produkte herzustellen, die es schon gibt, sondern sich tatsächlich darauf zu konzentrieren, was einen Mehrwert im Gebrauch bietet und für den Menschen wirklich gut ist.

Eine Innovation, die einen Mehrwert bietet, ist Teil der Sinnstiftung. Dazu gehört, dass  sie bei  Materialen und Design langlebig und zeitstabil umgesetzt ist. Für uns gilt: Alles was modisch und schnelllebig ist, wird im Gestaltungsprozess weggenommen und wir versuchen, die Kernidee in der Form auszudrücken. Form und Funktion gleichrangig miteinander zu verbinden, das führt dazu, dass wir Produkte entwickeln, die langlebig sind und nichts an Aktualität einbüßen.

Wilkhahn ist ein Familienunternehmen und hatte mit dem „Bad Harzburger Modell“ schon vor Jahrzehnten einen kooperativen Managementstil etabliert, der die Mitarbeiter als selbstständig denkende, handelnde und entscheidende Individuen betrachtet. Was beinhaltet darüber hinaus die Unternehmenskultur von Wilkhahn?

Burkhard Remmers: Die soziale Perspektive der Nachhaltigkeit hat bei Wilkhahn eine lange Tradition, denn wir sind der Überzeugung, dass jeder seinen Beitrag zum Unternehmenserfolg leisten kann. Das hatte uns dazu bewogen, eine andere Unternehmenskultur einzuführen.

Sie basiert auf Respekt und Achtung, aber auch darauf, dass keine Anweisung ohne Begründung gegeben wird. Das klingt heute trivial, war aber damals, in den 50er Jahren, eine Revolution. Und Wilkhahn machte von sich reden, weil es unter dem Leitbegriff „Soziale Gerechtigkeit“ eine Gewinnbeteiligung der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter einführte. In den 60er Jahren waren die Löhne niedrig und gleichzeitig wuchsen die Gewinne der Unternehmen. Es war die Wirtschaftswunderzeit, und da ging es bei uns sehr stark um soziale Gerechtigkeit und Teilhabe. Fritz Hahne war einer der Protagonisten mit einigen anderen Unternehmern wie Rosenthal zum Beispiel, die eine Beteiligung am Unternehmensgewinn eingeführt haben.

Und welche Faktoren sind es heute? 

Burkhard Remmers: Heute geht es in der Unternehmenskultur eher um Immaterielles: Wie können sich Mitarbeiter einbringen? Wie finden sie bei uns Sinnstiftung? Und wie gewinnen und binden wir Menschen in Zeiten eines immer schneller werdenden Wandels? Das sind vor allem Fragen der Kooperation, der Kommunikation und der Möglichkeit, sich in die Unternehmensprozesse einzubringen und diese mitzugestalten. Die Besonderheit von Wilkhahn aus vielen Blickwinkeln betrachtet ist, die soziale, innovative, ökologische Kultur zusammenzufügen und in einem ganzheitlichen Konzept, das wirtschaftlich erfolgreich ist, miteinander zu verbinden.


Über Wilkhahn: Wie kaum ein anderer Möbelhersteller steht Wilkhahn weltweit für „Design made in Germany“: mit hochwertigen Büro- und Konferenzeinrichtungen, die Benchmark für die gesamte Branche sind. Schon vor 60 Jahren hatte sich das Unternehmen dem Ziel verschrieben, bessere Gebrauchsqualität, dauerhafte Formgebung und Langlebigkeit zu verbinden. Meilensteine wie der Bürostuhl-Klassiker ”FS-Linie”(1980), der Confair-Falttisch (1994), der Bürostuhl Modus (1994) oder der Kufenstuhl Aline (2004) haben die Büroentwicklung geprägt. Jüngste Beispiele für wegweisende Innovationen sind der Universalstuhl Chassis oder der dreidimensional bewegliche ON, der bei führenden Experten als derzeit bester Bürostuhl der Welt gilt.

Auch mit seiner sozial-ökologischen Ausrichtung setzt Wilkhahn Maßstäbe: Der deutsche Umweltpreisträger hat mit Frei Otto und Thomas Herzog gebaut und praktiziert seit über 20 Jahren aktive Umweltverantwortung. Neben zahlreichen internationalen Auszeichnungen erhielt der ON-Bürostuhl auch den Bundespreis eco design.


Kontakt 

Wilkhahn

Burkhard Remmers
Internationale Kommunikation

Fritz-Hahne-Straße 8
31848 Bad Münder

Fon: +49 (0) 5042 999-0

Web: www.wilkhahn.com

Mail: burkhard.remmers@wilkhahn.de
Facebook: www.facebook.com/Wilkhahn

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