Wie sich Organisationen wandeln müssen, um zu bestehen
Sinnhaftigkeit in Unternehmen ist keine schöngeistige Philosophie!

Von Stefan Dudas, Experte für sinnbasiertes Management*

 Gehört jetzt auch „Sinn“ in die Toolbox eines Unternehmers oder Managers, um den Kunden und Mitarbeitern den Sinn, oder besser den „Corporate Purpose“ zu vermitteln? Analysieren wir, woher dieser Sinn so plötzlich kommt, warum „die Jungen“ danach fragen und die Kunden meist unbewusst darauf abfahren. Es geht schließlich um uns alle. Um unsere Lebenszeit und wie wir diese stark begrenzte „Ressource“ im Arbeitsleben einsetzen wollen.

In den letzten Jahren wurde das Thema Sinn zum öffentlichen Thema. Die junge Generation hat jahrelang bei ihren Eltern gesehen, welchen Tribut die Arbeitswelt fordert. Wenn die Eltern nach einem anstrengenden 12-Stunden-Tag „geburnoutet“ nach Hause kamen, war das für die junge Generation nicht unbedingt ein Vorbild. Die ganze Sinn-Aufregung also nur, weil die Jungen „Unruhe“ ins System bringen?

 Erfolgsfaktor Sinn – drei Gründe

Es gibt drei gewichtige Gründe, warum sich Unternehmen, und damit die Führungskräfte, aber auch die Mitarbeiter mit dem Thema Sinn befassen müssen.

  1. Grund: Die Macht der Generationen Y und Z

Die ältesten der Generation Z treten 2020 langsam ins Arbeitsleben ein. Die Jungen fragen vermehrt danach, „warum“ sie etwas machen. Ohne die Antwort auf „Wozu soll ich meine unglaublich wertvolle Lebenszeit für Ihr Unternehmen einsetzen?“ wird es schwierig, gute Mitarbeiter zu finden. War früher noch das Weiterkommen in der Karriere der wichtigste Anreiz, denkt die heutige Jugend hier grundlegend anders. Wichtiger ist, wie sich die Beförderung auf die Lebenssituation auswirken könnte und ob dies in ihr Lebenskonzept passt.

  1. Grund: Brennen für seinen Job – bis der Arzt kommt…

Wie eine Studie des Lebensversicherungskonzerns Swiss Life zeigt, waren 2018 psychische Erkrankungen mit 37 Prozent die häufigste Ursache für Berufsunfähigkeit. Es geht nicht darum, die Balance zwischen der lebenszeitvernichtenden Arbeit und der schönen Freizeit herzustellen. Es geht darum, dass wir unser Leben so gestalten, dass es für uns Sinn macht, sehr oft Spaß macht und uns erfüllt. Das Burn-out-Thema wird noch brisanter, wenn man die Zahlen der Universitätsklinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie in Bern und Zürich liest: 2007 gab es in Zürich 49 Notfälle, 2017 bereits 649. Das bedeutet, dass selbst unsere Kinder zunehmend überfordert sind.

Es geht hier vor allem um Menschen, zusätzlich aber auch um viel Geld: Eine Schweizer Beamtin hat den eigenen Arbeitgeber (Staat) für ihr Burnout verantwortlich gemacht und im Januar 2020 im dritten Urteil des Bundesverwaltungsgerichts die Bestätigung erhalten, dass die Fürsorgepflicht verletzt wurde (und damit ein Haftpflichtfall vorliegt).

  1. Grund: Wie die Transparenz im Internet die Businesswelt verändert

Verkaufte man sich früher in einer Image-Broschüre noch so, wie man sich gerne sehen wollte, ist Unternehmenskommunikation im digitalen Zeitalter weitaus komplizierter. Ein Blick auf das Unternehmens-Bewertungsportal Kununu.com reicht aus, um die brutalste Realität zu erkennen: Entlassene Mitarbeiter rächen sich an ihren Chefs (natürlich anonym) und be- und verurteilen das Unternehmen. Wir alle, ob als Mitarbeiter oder als Kunde, haben enorm an Macht gewonnen. Ist man mit einem Unternehmen oder einem Produkt unzufrieden, können sich Kunden öffentlich auf Social-Media darüber auslassen. Da hilft aus Unternehmenssicht auch die Verlinkung der schönen Imagebroschüre als PDF nicht mehr…

Sinn & Menschen

Unsere statistischen 30’000 Tage Lebenszeit sind das Wertvollste, was wir besitzen. Wenn wir uns jetzt aber ausmalen, wie viele Menschen bei ihrer täglichen Arbeit nicht glücklich sind, ist das erschreckend. Sind diese 8 bis 12 Stunden nicht erfüllend, wird man mit einer entsprechenden Energie und Laune nach Hause kommen und die eigene Familie damit „anstecken“ und (vor allem die Kinder) prägen. Wir lernen heute nirgends, dass Arbeit auch Spaß machen kann. Dabei hat schon Mark Twain gewusst: „Je mehr Vergnügen du an deiner Arbeit hast, umso besser wird sie bezahlt.“

Finnlands neue Regierungschefin Sanna Marin (34) bringt die Viertage-Arbeitswoche mit sechs Stunden pro Tag ins Gespräch. Auch wenn viele bereits verbal auf diese Idee „einhauen“, finde ich richtig und wichtig, dass man neue Konzepte der Arbeitswelt offen diskutiert. Dafür muss man allerdings auch kritisch auf das Bestehende schauen können. Denn Anwesenheitszeit ist ja nicht gleich Produktivität. Was passiert an den Tagen vor dem Urlaub? Bei den meisten Arbeitnehmern steigt da die Produktivität unglaublich an. Warum? Weil man einen sinnvollen Grund hat. Weil man weiß, warum man heute den Schreibtisch leeren muss.

Business-Theater vs. Sinn im Unternehmen

In Ihrem Unternehmen hängt noch ein verwaistes Leitbild? Fragen Sie drei Führungskräfte in Ihrem Unternehmen, welche Werte da in Schönschrift verewigt wurden. Meist ist die Erfolgsquote gleich null. Und sogar, wenn jemand mal aus Versehen einen Wert noch zitieren kann, scheitert er bei der zweiten Frage, wie dieser Wert gelebt und kommuniziert wird. Natürlich gibt es Unternehmen, die das hervorragend leben und machen. Der Großteil allerdings macht aus dem Leitbild eine Alibi-Maßnahme. Mein Rat, den ich in meinem Vortrag den Zuhörern mitgebe: „Hängen Sie in Ihrem Unternehmen eine Business-Bullshit-Wand auf!“ Wir sollten offen darüber nachdenken, was wir im Business eigentlich wirklich tun, ohne dass wir noch darüber nachdenken, warum wir es tun. Ein Beispiel? Welche Meetings sind eigentliche „Müdings“? Bei dem immer der Gleiche spricht und die teilnahmslosen Teilnehmer in ihr Smartphone blicken?

„Purpose“ macht voll Sinn, um weiterhin Kunden und potenzielle Mitarbeiter zu erreichen – drei Tipps

Unsere Arbeitswelt ist existenziell für uns. Nicht nur, weil wir sehr viel Lebenszeit damit verbringen, sondern weil wir uns auch über unsere Arbeit in der Welt „positionieren“. Die Arbeit hat einen wesentlichen Einfluss auf meine Lebensgestaltung, meinem Lebensstil. Darum lohnt es sich, hier genauer hinzusehen und neue Möglichkeiten und neue Ansichten zuzulassen.

  1. Tipp: Führen als Funktion

Sinn im Unternehmen zu „installieren“ funktioniert anders als alle Prozesse bisher. Sinn kann nicht befohlen oder vorgegeben werden. Führungskräfte dürfen lernen, dass sie noch mehr in eine Coach-Rolle wachsen müssen. Aber vor allem muss ihnen selber ihr Sinn bewusst sein. Und dann darf die Führungskraft das tun, was in der Funktionsbeschreibung steht, wozu sie allerdings nur ganz selten kommt: Führen.

  1. Tipp: Sinn in der Kommunikation

Unternehmen sollten ihre Vision und Mission auf Sinn abklopfen und auch den Mut haben, Dinge, die keinen Sinn (mehr) machen, einfach zu streichen. Als Führungskraft hat man dann die Aufgabe, die persönlichen Beweggründe (das Warum oder Wozu) den Mitarbeitenden immer wieder zu kommunizieren. Der Sinn des Unternehmens muss in jeder Kommunikations-Maßnahme mitschwingen und erkennbar sein.

  1. Tipp: Sinn-Gedanke statt Motivation

In der Vergangenheit hat man versucht, Mitarbeiter zu motivieren und hat gelernt, dass dies nur sehr begrenzt und kurzfristig funktioniert. Dann wurde mit Goodies um sich geworfen. In einem Unternehmen in Deutschland sagte mir der CEO, dass „die da unten“ schon alles haben: Kostenlose Getränke, fast kostenloses Essen, Ruheräume, Tischtennis-Tische, ein eigenes Fitnesscenter mit eigenem Fitnesstrainer. Unzufriedenheit ist trotzdem alltäglich.

Wir müssen erkennen, dass es nur dann eine Veränderung gibt, wenn immer mehr Menschen erkennen, wozu sie früh morgens aus dem Bett steigen. Dass sie wichtig sind und einen wichtigen Beitrag für andere Menschen leisten dürfen.

Sie denken jetzt vielleicht, dass vieles in diesem Artikel etwas überspitzt ist? Nein. In der Praxis erlebe ich noch viel unglaublichere Situationen. Deshalb bin ich der festen Überzeugung, dass wir an der Sinnfrage nicht vorbeikommen, wenn wir einigermaßen erfüllend und vor allem bewusst leben möchten. Und genau dieses Bewusstsein ist ein wesentlicher Faktor, der uns vor einem Burn-out fernhält und uns erlaubt, weiterhin die richtigen und wichtigen Fragen zu stellen. Fragen an uns selber, aber auch an die Arbeitswelt. Und bevor jemand auf die Idee kommt zu sagen, dass dafür zuerst eine Menge Veränderungen geschehen müssen, antworte ich gerne: Wir können warten, bis sich die Arbeitswelt verändert. Die wird sich aber nur verändern, wenn wir offener sind, unser bisheriges Tun zu hinterfragen. Und sie wird sich nur ändern, wenn wir jetzt damit anfangen. Schließlich geht es nicht nur um die gesamte Arbeitswelt. Es geht um uns und unsere (statistischen) 30’000 Tage – oder was davon noch übrig ist.

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