Liebe deine Stadt

Resilienz: Stadt neu denken

Von Elita Wiegand

Liebe Deine Stadt! Der Schriftzug prangt an der Kölner Nord-Süd-Fahrt. Eigentlich überflüssig, denn Menschen haben eine Beziehung zu ihrer Stadt und fühlen sich damit verbunden: Sie ist Heimat, der Lebensmittelpunkt, der Ort, in dem wir arbeiten, uns bewegen, ist Marktplatz für Kommunikation, ein Lernort. Doch diese Liebe ist verletzlich, vor allem dann, wenn sich die Stadt transformiert, sich wandelt, um die Herausforderungen zu meistern. Klaus Burmeister und Ben Rodenhäuser durchleuchten in ihrem Buch „Die Stadt als System“ die tiefgreifenden Veränderungen. Mit ihrer Bestandsaufnahme zeigen sie Zusammenhänge auf und untersuchen die Wechselwirkungen.

Wir wollen wir in Zukunft leben?

Der Wandel einer Gesellschaft manifestiert sich im Zukunftsraum Stadt. Hier gilt es innovative Lösungen zu entwickeln und zu erproben. Die beiden Autoren beschreiben zehn Handlungsfelder, mit denen sie die Konturen der urbanen Trendlandschaft abbilden und analysieren. Hier ein Überblick.

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Digitalisierung: Vernetzte Städte

Für Städte zeichnen sich mit dem Prozess der digitalen Transformation zahlreiche Umbrüche ab. „Die Probleme müssen auf engstem Raum und unter den Bedingungen der chronischen Finanzknappheit gelöst werden“, schreiben Burmeister und Rodenhäuser. Lösungen verspricht man sich von Konzepten der Smart City. Der Begriff beinhaltet eine Stadt effizienter, ökologisch sinnvoller, technologisch fortschrittlicher und sozial inklusiver zu gestalten. Das Buch beschreibt viele Möglichkeiten der zentralen Planung und Steuerungen in der vernetzen Stadt, einer Stadt, die kaum mehr Emissionen oder Abfall erzeugt und eine maximale Lebensqualität für die Bewohner ermöglicht.

Ökologie: Nachhaltige Stadtsysteme

Das Klima schützen, Ressourcen einsparen – Energieeffizienz ist für Kommunen ein zentrales Thema. So entfallen 40 Prozent des deutschen Energieverbrauchs auf Wohnhäuser und Gewerbeimmobilien, in Privathaushalten sind Heizungen und die Warmwasseraufbereitung die Stromfresser. Es gilt in die energetische Stadtsanierung zu investieren und übergreifende Konzepte einzusetzen. Ziel ist, dass die Stadt der Zukunft weniger Energie verbraucht und die künftig aus erneuerbaren Quellen bezieht.

Arbeit und Produktion: Urbane Wertschöpfung

„Im 21. Jahrhundert mehren sich die Anzeichen für eine Renaissance urbaner Produkte“, heißt es in dem Buch. Das beinhaltet kürzere Produktlebenszyklen, kurze Lieferzeiten, individuelle Produkte und ein steigendes Ressourcenbewusstsein.  Dazu eignen sich Produktionseinheiten für den lokalen Markt zum Beispiel in Form von Rapid Prototyping. Gelingt es, den Ort der Produktion mit der Stadt als Arbeits- und Absatzmarkt zu verschmelzen, entfallen lange Lieferketten. Auch die nahe landwirtschaftliche Produktion für den Anbau von Gemüse und Obst oder das „Urban Farming“ dienen dazu, dass sich die Stadt selbst versorgt.

Handel und Logistik: Versorgung der Stadt von morgen

Durch den Strukturwandel infolge der Digitalisierung leidet der Einzelhandel und viele Geschäfte müssen schließen. Doch bieten sich für lokale Einzelhändler auch viele Chancen, wenn sie in das E-Commerce Geschäft einsteigen, e-Shops nutzen und gleichzeitig haptische und sinnliche Erlebnisse im Geschäft anbieten. Das Buch stellt Shopkonzepte vor, die sich bewährt haben, zeigt auch die Folgen des Online-Kaufes auf und damit verbunden die Probleme der Paketlogistik.

Mobilität in Bewegung

Orte des Verkehrs,  das waren Städte schon immer. Heute wissen wir, dass ein „Weiter so!“ nicht mehr funktioniert. Lärm, Emissionen, Staus: Zur Mobilitätswende gehören intelligent gesteuerte Verkehrsflüsse, erweiterte Carsharing-Angebote, Elektro- oder selbstfahrende Autos. „Die Mobilität von morgen muss viele Ansprüche erfüllen“, betonen Klaus Burmeister und Ben Rodenhäuser. Wichtig, dass künftig  nicht mehr das Automobil im Zentrum steht, sondern den Menschen in den Mittelpunkt einer neu zu »programmierenden« Stadt stellt.

Smart-City

Stadtgebiete: Rückzug aus der Daseinsvorsorge

Die Staatspolitik ist in eine Krise geraten. Das liegt vor allem an den knappen Kassen und dadurch werden viele städtische Aufgaben im sozialen Bereich, im Verkehr und Gesundheitswesen, in der Kultur und Bildung nur noch beschränkt ausgefüllt. Somit beschneidet die Finanznot auch die Gestaltungsspielräume. Einzige Möglichkeit: Die Stadt zieht sich aus der Daseinsvorsorge zurück, beteiligt über den Weg der direkten Demokratie das bürgerschaftliche Engagement. Nach der Privatisierung vieler Leistungen, wollen Städte jedoch wieder Herr im eigenen Haus sein – die Rekommunalisierung gewinnt an Bedeutung.

Teilhabe: Stadt von oben, Stadt von unten

„Die Eigeninitiative der Bürger ist eine zentrale Ressource, aus der die Stadt der Zukunft schöpfen kann“, so die Autoren. Stadtplanung bottom-up statt top-down. Somit beeinflusst die digitale Welt auch die Prozesse der Stadt und Bürger werden zu aktiven Stadtgestalter: Crowdfunding-Modelle, die über das Web durch die finanzielle Beteiligung der Community realisiert werden, überträgt man auf  die Entwicklung im städtischen Raum.

Siedlungsstruktur: Urbane Zentren, verstädterte Landschaft

Städte sind heute wieder attraktiv. Die Folgen: Hohe Mieten, steigende Einwohnerzahlen. Der Flächenverbrauch durch Siedlungen und Verkehr nimmt weiter zu, ebenso die Pendlerströme aus dem Umland. Das eine sind die Boom-Städte, während hingegen schrumpfende Städte in die Abwärtsspirale geraten.

Zusammenleben: Ungerechte Städte?

Der Stadtgesellschaft droht eine Spaltung: Dort die Oberschicht und dem gegenüber steht die wachsende Unterschicht, die abgekoppelt ist und nicht mehr am Wohlstand teilnimmt. „Die Polarisierung zählt zu den zentralen Bedrohungsszenarien für die Stadt der Zukunft,“ betonen Klaus Burmeister und Ben Rodenhäuser.  So entstehen Parallelgesellschaften in den Städten: Einkommensschwache Schichten werden in „Armenviertel“ abgedrängt,

Wohnen und Quartier: Vielfalt städtischer Lebensstile

Der Wandel in der Gesellschaft wirkt sich auf die Wohnbedürfnisse aus. Dazu gehören Singlehaushalte, Studentenwohnheime, Mehr-Generationen-Wohnen, Senioren-Wohnen oder Mehr-Familien-Wohnen. „Die Zukunft liegt in der produktiven Auseinandersetzung mit der Vielfalt, beinhaltet einerseits serviceorientierte Luxusangebote, andererseits bezahlbaren Wohnraum“, so die beiden Autoren.

Fazit: Das Buch „Stadt als System“ betrachtet einzelne Handlungsfelder, analysiert und betrachtet die Stadt aus verschiedenen Blickwinkeln. Die Themenschwerpunkte orientieren sich an dem Ergebnis einer explorativen Expertenumfrage. Statt des allgemeinen Begriffs der Zukunftsfähigkeit, konkretisieren die beiden Autoren zum Schluss des Buches die Schwerpunkte und beschreiben die resiliente Stadt. Dabei wird klar, dass erhebliche Veränderungen nötig sind. Somit bildet das Buch die Basis für vertiefende Analysen und liefert Stoff zum Weiterdenken!


“Die Stadt als System”, von Klaus Burmeister und Ben Rodenhäuser erschienen im oekom Verlag. Weitere Infos und Bestellung – hier… 

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